Gut und sättigend: 3 Sterne

Aravind Adiga: The White Tiger

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Modernes Sklaventum in Indien
Es ist die Dunkelheit, aus der er kommt und von der er berichtet: Denn als Dunkelheit bezeichnet der Ich-Erzähler, ein erfolgreicher Unternehmer in Bangalore, Indien selbst, das Hinterland, das Dorf, aus dem er stammt. In sieben Nächten erzählt er seine Lebensgeschichte: Er diktiert sie in Briefen an den Premier aus Beijing, der – so hat er in den Nachrichten gehört – nach Indien kommen und etwas über das indische Unternehmertum erfahren will. Und mit der Mentlität der Inder kennt sich nun mal niemand so gut aus wie unser schlafloser Briefeschreiber.

The White Tiger ist eine Geschichte voller Gewalt – ausgelebter und unterdrückter Gewalt -, Armut und Aussichtslosigkeit. Denn diese drei Aspekte beherrschen das Leben von Millionen Indern, die wie moderne Sklaven leben. Sie sind wie Vieh und haben keine Rechte. Aber sie brechen auch nicht aus. Sehr sarkastisch zeigt der Ich-Erzähler auf, warum sie sich so behandeln lassen, und schildert, dass es wiederum Gewalt braucht, dass ein ruchloses, skrupelloses Verbrechen nötig ist, um aus diesem Sklaventum zu entkommen. Dabei gibt er glaubwürdige und interessante Einblicke in die Seele der Inder, in politische Vorgänge, in Korruption, Machtmissbrauch und Familienbande.

Die Idee, die Geschichte in Briefe mit einem politisch brisanten Touch zu verpacken, finde ich gut und originell. Sie gibt dem Autor die Möglichkeit, einen zynischen Unterton einzuflechten. „In China haben Sie es ja nicht so mit Demokratie“, sagt der Erzähler, der Jahr für Jahr auf den Listen der Menschen steht, die gewählt haben, aber noch nie in einer Wahlkabine war. Und was am Beginn so klingt wie der Bericht eines Start-up-Unternehmers, der stolz auf sich sein kann, wandelt sich schnell zu einer Erzählung über Verzweiflung, Abhängigkeit und Tod. „I’m revealing the secret to a successful escape“, lacht der Erzähler, „the police searched for me in the darkness, but I hid myself in light.“ Sehr ehrlich, sehr authentisch, sehr lesenswert.

2 Comments

  1. lechristoph

    Viel Spaß dabei…politisch ist das ja durchaus brisant. Schön, sowas mal zu lesen.

    Wobei ich finde, dass sich der Autor in Zukunft lieber auf Reportagen verlegen sollte.

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