Kleine Köstlichkeiten: 4 Sterne

Hitonari Tsuji: Warten auf die Sonne

TsujiFaszinierende Literatur aus Japan
Dieser Roman hat von Anfang an eine sogartige Wirkung auf mich – ich kann ihn nicht mehr weglegen. Schon der Titel macht es deutlich und im Buch zeigt sich bald, dass die Protagonisten warten, sie alle warten auf etwas anderes: Da ist der junge Patinierer Shiro, der darauf wartet, dass sein krimineller Bruder Jiro aus dem Koma erwacht, da ist der Drogendealer Fujisawa, der darauf wartet, dass Shiro einen mysteriösen Ranzen voller Drogen findet, dann gibt es den berühmten Regisseur Inoue, der seinen letzten Film dreht und darauf wartet, dass die Sonne genauso scheint wie an einem bestimmten Tag viele Jahre zu vor, und schließlich ist da noch Craig, ein amerikanischer Pilot, der in Hiroshima gefangen genommen wurde und darauf wartet, dass die Atombombe vom Himmel fällt.

Geschickt verbindet Hitonari Tsuji diese einzelnen Geschichten und Schicksale miteinander – so bewegt Jiro sich in seiner Welt ohne Bewusstsein in jener Vergangenheit, die auch den Regisseur Inoue immer noch quält, Shiro arbeitet gemeinsam mit Jiros großer Liebe Tomoko an Inoues Film. Die Verbindungen sind teilweise überraschend, sie lassen den Roman vielschichtig und stimmungsvoll werden. Ein großes Thema ist dabei der Krieg: jener zwischen China und Japan sowie jener zwischen Japan und Amerika. Natürlich drängt sich besonders durch die absurden Elemente der Vergleich mit Haruki Murakami auf, dem Hitonari Tsuji aber ohne weiteres standhalten kann. Zwar gibt es auch hier verschiedene Ich-Erzähler (wie bei Ondaatje), da mir aber die jeweilige Kapitelüberschrift deutliche Hinweise gibt, um wen es sich dabei handelt, stört es mich in diesem Fall überhaupt nicht. Im Gegenteil, die Handlung ist stets – trotz der abstrusen Begebenheiten – nachvollziehbar, die Sprache nicht hochliterarisch, aber klar und fesselnd. Ein sehr schönes, sehr japanisches und sehr atmosphärisches Buch.

Lieblingszitat: Ich möchte leben wie der Wind. Wie er möchte ich durch alle Länder streifen, mit dem Licht um die Wette laufen und die Welt liebkosen.

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