Kleine Köstlichkeiten: 4 Sterne

Ann-Marie MacDonald: Vernimm mein Flehen

Ein Epos, ein Erguss, ein Ereignis 
Man denkt ja gerne mal von sich, dass einen kaum noch etwas überraschen kann. Aber dieses Buch … das hat mich überrascht, ist mir im Kopf herumgespukt, hat mich tagelang nicht losgelassen. Und ich versuche immer noch zu ergründen, warum. Empfohlen und geliehen hat es mir eine Freundin, die schon von der Sogwirkung des Romans berichtet hat. Zum einen fällt da der Ton dieses Buchs auf, der so heiter daherkommt und doch heißen Zynismus durchblicken lässt. Und dann ist da der geschickte Aufbau, der manches andeutet, erst später erklärt und den Leser ganz zum Schluss verstehen lässt – so, wie es sein soll. Was aber macht diese unglaubliche Faszination von Vernimm mein Flehen aus?

Wir sind in Kanada und es ist das ausgehende 19. Jahrhundert, als James die Libanesin Materia – ein Kind noch, nicht einmal 13 Jahre alt – heiratet. Doch die Liebe der beiden verblüht schneller als eine Margerite, James konzentriert sich auf die wunderschöne und begabte Tochter Kathleen, aus der eine große Sängerin werden soll. Der Erste Weltkrieg kommt, Materia entfernt sich immer mehr von der Welt und verliert sich in arabischen Erinnerungen. Sie bekommt mit James zwei weitere Töchter, Mercedes und Frances. Später kommt dann noch die kleine körperbehinderte Lily dazu. Sie ist es, die diese Familie nach all den Tragödien, die ihr zustoßen, zusammenhält, denn James, Mercedes und Frances stellen jeder ihr Leben – bewusst oder unbewusst – in den Dienst der kleinen, friedfertigen Lily.

In den Bann ziehen zum einen der Inhalt der Geschichte, die alles in sich vereint, was eine Familie an Ereignissen bieten kann und auch Tod und Selbstmord als normal mit einbezieht, zum anderen das geheimnisvolle Kichern, das hinter jedem Satz zu stecken scheint. Ann-Marie MacDonald benutzt aufregende, nie gehörte Metaphern, sie lässt Erinnerungen schimmeln und wechselt mit den Verben sätzeweise zwischen Gegenwart und Vergangenheit, sie würzt das alles mit arabischen Ausdrücken ohne Erklärung und steckt die Geschichte in das Korsett des katholischen Glaubens, der allein immer für Mystisches gut ist. Vernimm mein Flehen ist so angefüllt mit überraschenden Wendungen, dass man nie weiß, was im nächsten Kapitel auf einen zukommt – das übt einen richtigen Zwang auf mich aus, bräuchte ich nicht Schlaf, ich würde die ganze Nacht weiterlesen. Dieses Buch ist ein dermaßen überschwemmender verbaler Erguss, dass ich mich frage, ob in der Autorin eigentlich noch ein einziger Gedanke übrig geblieben ist. Von den üblichen, generationenumspannenden Familienromanen ist dieses Buch weit entfernt, es gleicht einem langen, verstörenden Traum, in dem einfach alles möglich ist … und logisch erscheint. Dieser Roman ist eine Zumutung – und extrem lesenswert.

One Comment

  1. Mariki Author

    Kwen schrieb am 19. April 2009 @ 16:43

    Oh Gott, ich bin so erleichtert, dass ich dir ein Buch empfohlen habe, das du auch gut findest!! Und deine Rezension bringt es auf den Punkt, aber das wundert mich nicht.

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